Der stämmige, halb nackte Deutsche, mit Messer in der Hand

Der Freitag war recht unspektakulär, außer das ich recht genervt davon war, dass gefühlt alle 5 Minuten kleine Steinchen in meinen Schuh geflogen sind, habe ich nicht zuletzt auch aufgrund der brühenden Hitze, erleichtert meinen Campingplatz erreicht. So wie am Donnerstag, war auch dies lediglich eine Grünfläche am Sportplatz, an der man die Sanitären Anlagen mitnutzen kann. Während beim Platz zuvor weitere Camper gewesen sind und auch jemand am Abend abkassieren kam, war hier keine Menschenseele. Wie ich später herausgefunden habe, könnte das daran gelegen haben, dass er erst im Juli öffnet. Da das Wasser aber aus den Hähnen floss, entschied ich mich dazu dennoch mein Zelt ein wenig versteckt am Rande des Platzes aufzuschlagen und habe mich gegen 21 Uhr schlafen gelegt. Mitten in meiner Tiefschlafphase wurde ich keine zwei Stunden später von einem “klopfen” an meinem Zelt geweckt. Schlaftrunken habe ich ein “hello” gefolgt von einem “bon soir” in die Nacht genuschelt, worauf nur ein weiteres, sehr agressives Klopfen kam, als wenn jemand gegen das Zelt tritt. Da das Klopfen nicht sehr freundlich gesonnen wirkte, war für mich klar, dass ich mit meinem Messer nach draußen treten würde. Die Vorstellung, wie ein stämmiger, halb nackter Deutscher, mit Glatze, Bart, einem Messer in der Hand und einem Vokabelschatz von rund 20 Wörtern (wovon sich die Hälfte auf Essen bezieht) versucht einem französischen Bauern  zu erklären, dass ich ja gewollt sei ihm die 5€ zu zahlen, wirkte nicht ganz so deeskalierend, wie ich mir das in dem Moment erwünscht hätte. Nichts desto trotz machte ich meine Stirnlampe an und freute mich schon auf eine heißblütige Diskussion mitten in der Nacht. Doch als das Licht anging, hörte ich wie die Schritte wegrannten, daher vermute ich mal, dass es lediglich ein Waschbär, Fuchs oder ähnliches war, der gegen mein Zelt gelaufen ist. So, jetzt versuch mal mit einem mit Adrenalin vollgepumpten Körper wieder einzuschlafen, viel Spaß! Irgendwie klappte es scheinbar doch, da mich mein Wecker gegen 4 Uhr aus dem Schlaf riss, ich wollte nämlich früh aufbrechen, um der Hitze zu entgehen.

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Es war herrlich, so früh zu starten, es war angenehm warm, die Luft schön klar und man konnte dem Sonnenaufgang entgegen laufen. Außerdem freute ich mich darauf, meine Unterkunft schon zur Mittagszeit zu erreichen und den restlichen Tag frei zu haben und siehe da, bereits um 12 Uhr habe ich mein Ziel erreicht – Jackpot! Je näher ich aber an meine Unterkunft ran getreten bin, desto mehr verstärkte sich das mulmige Gefühl, dass die Bude zu ist. Komischerweiße war ich wenig überrascht und so war es nicht soo schlimm, dass ich nun weitere 15 km laufen musste um eine nächste Unterkunft zu erreichen. Glücklicherweise fand ich überhaupt etwas, wo ich mein Zelt aufschlagen konnte, denn die nächsten Unterkünfte lagen eigentlich alle bei mindestens 50 €. Ein wenig geschafft von der Sonne und wahrscheinlich auch von den letzten Tagen näherte ich mich dann laut Google Maps meinem Bestimmungsort. Wieder einmal folgte ich einer blau eingezeichneten Route, von der sich wieder einmal herausstellen sollte, dass dies doch kein Weg war. Nur war es nie so schlimm wie an diesem Tag. Zuerst war der Weg gut begehbar und man konnte in einem ausgetrockneten breiten Bach o.ä. gut voran kommen. Allerdings wurde der Weg immer steiler und der Bach immer schmaler, bis ich dann irgendwann meine Hände zur Hilfe nehmen musste um voran zu kommen. Den Bach hatte ich dann irgendwann überwunden, nur um vor einem echt steilen Berg zu stehen, dessen Boden voll mit kleinen rutschigen Steinchen war. Es lässt sich nur schwer beschreiben, wie anspruchsvoll die Stelle war und was ich in dem Moment empfand. Die Tatsache, dass ich Rrezak, meinem brother from another mother meinen Standort mit den Worten, dass er diesen der Polizei schicken solle, falls ich abends nicht ans Telefon gehe und es kein Scherz sei, sagt aber denke ich alles.

Liebe Eltern, ihr erinnert euch doch sicherlich, dass ich euch gebeten habe, dass ihr die Beiträge, die ihr den Großeltern weitergebt zensieren sollt – dies ist einer davon. Macht euch aber keine Sorgen, mir geht es gut, ich wurde noch gut umsorgt und habe heute Dijon erreicht. Lediglich als ich die ersten zwei Stunden heute nur Bergab ging, musste ich noch einmal daran denken wie steil es gestern doch war. Da der Beitrag bereits lang genug ist, höre ich an dieser Stelle mal auf und zeige noch ein Bild von dem Abendessen, welches ich (wie das Frühstück und den Stellplatz auch) freundlicherweise gestern umsonst erhalten habe. Da die liebevolle Gastgeberin kein Geld haben wollte, weil sie gerne Jakobsweg Pilgerer aufnimmt, habe ich ihr den Reiseführer geschenkt, welchen ich am ersten Tag in Frankreich gekauft und der mich auf den Weg bis nach Langres begleitet hat.

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2 Responses to “Der stämmige, halb nackte Deutsche, mit Messer in der Hand

  • Hallo Luke,
    ich lese schon seit Beginn an mit und finde es großartig was du da machst. Evtl. werde ich das nach meinem Studienende nächstes Jahr auch in Angriff nehmen ;).
    Da sich ja Google Maps scheinbar nicht für deine Routen eignet, würde ich mal komoot ausprobieren, da sind so ziemliche alle Wanderwege, etc. drin und ist extra für Wanderungen und Radtouren gemacht. Vielleicht bekommst du ja bei Kontaktaufnahme bei komoot ein Sponsoring für das Kartenmaterial ;).
    Ich wünsche dir noch viel Erfolg und tolle Erlebnisse und Begegnungen!

    Viele Grüße

    Marco

    • lukesletter
      2 Jahre ago

      Hi Marco, dank dir für den Tipp, ich lade sie gerade runter und probiere sie mal aus :).

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